Kein Schelm, der Böses denkt

Sonntag, 6. März, 9.30 Uhr. Die Englische Woche neigt sich ihrem Ende zu, in acht Stunden will die Alte an der Elbe nochmal drei Punkte einsammeln. Für den dortigen HaEsVau sind wir mittlerweile Angstgegner und Vorbild zugleich, so stand es in den Gazetten. In der Morgenpost wird die Vorbild-These mit ein paar Zahlen unterfüttert: 20 Mios steckte der Dino vor dieser Saison in seinen Kader (Hertha knapp sieben), der Profi-Etat stand 2014/15 bei 65,8 Milliönchen (bei uns laut Mopo 42 Mio.). Seit etlichen Spielen (fünfe in Folge oder so) haben wir gegen die Rotschlüpper nicht nur nicht verloren, sondern jedesmal gewonnen. Und dabei kein einziges Gegentor gefangen. Klingt surreal, soll aber wahr sein. Bis zum Anpfiff isset noch ein Weilchen hin, deshalb sei ein kleiner Abstecher erlaubt.
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Vor einigen Monaten hatte ich an dieser Stelle einen Artikel aus dem Berliner Stadtmagazin „tip“ madig gemacht. Wer erinnert sich? Es ging um eine Amateurfußball-Reportage, die sich bei näherem Hinsehen als windelweicher Tebe-Lobgesang entpuppte. Mein dezenter Verriss zog – nicht ganz unprovoziert – einen lilaweissen Micro-Shitstorm nach sich, ein echtes Highlight meiner mittlerweile mehr als zehn Jahre währenden Bloggertätigkeit. Danke nochmal.

An mir lag es vermutlich nicht, aber jetzt hat sich auch das mit dem „tip“ verschwägerte Wochenblatt „Zitty“ an eine Fußball-Reportage gewagt (Heft 9/2016). Und bewiesen, dass es auch besser geht. Um nicht zu sagen: richteh jut.
Der Ansatz des Zitty-Autors ist dabei ein gänzlich anderer, darauf lässt schon der Teaser auf dem Titel schließen. Dort liest man nämlich folgende Zeile: „Aufbruch im Osten“. Und darunter heißt es weiter: „In Prenzlauer Berg treffen jetzt Bio-Bürger auf BFC-Hooligans. Kann das klappen? Ein Experiment“.

Schön ist schon mal, dass das „Experiment“ von einem Fan des 1. FC Köln durchgeführt wird. Warum? Einfach so. Und weil der FC in der Tabelle hinter uns steht und der lieblichen Hertha den ersten Sieg der Rückrunde bescherte.
Als FC-Fan outet sich also Herr Redakteur Philipp Wurm in einer Selbstbeschreibung (siehe Zitty, Seite 4). Als Grund für seine Reportage führt er an, dass er auf der Suche nach einem Berliner Fußballverein sei, dessen Spiele er sich „sporadisch anschauen“ könne. Hätte Redakteur Wurm seinen Wunsch in der Pippi-Schule geäußert, hätten die Tebe-Streber ganz fürchterlich mit den Fingern geschnippt und gebettelt, „bitte, bitte, komm zu uns!“. Aber nein, Herrn Wurms Wahl fiel auf den ach so pösen BFC Dynamo. Da knistert schon die Ausgangssituation vor Spannung: Ein sich bekanntermaßen als „linksalternativ“ definierendes Blatt widmet sich einem ebenso bekanntermaßen mit dem NaziStasi-Stigma behafteten Fußballverein.
Lange Einleitung, kurze Kritik: Herr Wurm zeichnet ein stimmungsvolles und differenziertes Bild zur aktuellen Situation des DDR-Rekordmeisters. Natürlich fehlen auch Hinweise auf die mitunter problematische Klientel der Weinroten nicht, aber die kommen ohne die zuweilen arg strapazierte Fascho-Paranoia aus. Dazu ist die Geschichte unterhaltsam erzählt, mit guten Fotos garniert und als Service werden on Top für neugierig Gewordene die nächsten Spieldaten der BeFis mitgeliefert. Ich werde jedenfalls ganz bestimmt mal wieder im Jahnpark vorbeikieken. Sobald es wieder etwas wärmer ist und sofern nicht gerade die glorreiche Hertha spielt.